{"id":2790,"date":"2024-02-15T17:43:52","date_gmt":"2024-02-15T17:43:52","guid":{"rendered":"https:\/\/rslnc.com\/?p=2790"},"modified":"2024-02-15T17:44:22","modified_gmt":"2024-02-15T17:44:22","slug":"warum-denken-traurig-machen-kann-10-moegliche-gruende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rslnc.com\/de\/wissen-de\/warum-denken-traurig-machen-kann-10-moegliche-gruende\/","title":{"rendered":"Warum Denken traurig macht | 10 m\u00f6gliche Gr\u00fcnde"},"content":{"rendered":"\n<p>Es gibt ein wunderbares Buch von George Steiner, das mir eine Freundin vor ein paar Jahren geschenkt hat. Es ist faszinierend, und doch hat es mich, wie der Titel ahnen l\u00e4sst, unglaublich deprimiert: <a href=\"https:\/\/amzn.to\/3SEc4XV\">&#8222;Warum Denken traurig macht&#8220;<\/a>. Denn, auch wenn ich mich in den vergangenen Jahren sehr ver\u00e4ndert und weiterentwickelt habe, h\u00e4tte ich mich wohl lange Jahre meines Lebens als &#8222;Kopfmensch&#8220; bezeichnet und das (schlaue) Denken bestimmte, und bestimmt noch heute einen gro\u00dfen Teil meiner Identit\u00e4t. Du ahnst es nach dieser Einleitung vermutlich schon, was George Steiner da auf den Punkt bringt, sind keine gute Neuigkeiten f\u00fcr Kopfmenschen \u2013 und als solche haben wir es immer schon geahnt &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aber warum macht Denken den nun George Steiner&#8217;s Meinung nach traurig? Und welche Schl\u00fcsse lassen sich daraus ziehen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In seinem Essay hat er 10 m\u00f6gliche Gr\u00fcnde formuliert:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Denken ist endlos<\/strong><br>Wir k\u00f6nnen alles denken, und doch liegt eine &#8218;Theorie von Allem&#8216; au\u00dferhalb und jenseits menschlichen Verstehens. Das Denken ist endlos und kann eine Vielzahl von Universen konstruieren, mit wissenschaftlichen Gesetzen und Parametern, die von den unseren g\u00e4nzlich verschieden sind. Die Anzahl alternativer Konstruktionen ist dabei unermesslich. Es gibt keinen, es kann keinen verifizierten Beweis f\u00fcr das eine oder das andere geben. Die Unendlichkeit des Denkens ist damit auch eine &#8222;unvollst\u00e4ndige Unendlichkeit&#8220;, die einem unaufl\u00f6sbaren Widerspruch unterliegt. Wir werden n\u00e4mlich niemals wissen, was stimmt bzw. was die Gesamtheit der &#8222;Realit\u00e4t&#8220; ist. An entscheidenden Fronten gelangen wir trotz allem Denken nicht zu befriedigenden, geschweige denn abschlie\u00dfenden Antworten. Dieser innere Widerspruch liegt allem Denken zugrunde. Es bleibt die Frustration des Zweifels.<br><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Denken ist unkrontrolliert und willk\u00fcrlich<\/strong><br>Selbst im Schlaf setzt es sich fort und nur selten beherrschen wir es. Es kann somatischen und psychosomatischen Tiefen entspringen, die sich jeglicher Selbstbeobachtung (Introspektion) entziehen. Gleichzeitig unterliegt es der potentiellen St\u00f6rung innerer und \u00e4u\u00dferlicher Einfl\u00fcsse, die seine lineare Entwicklung unterbrechen, ablenken, ver\u00e4ndern, durcheinanderbringen. Eine fortw\u00e4hrende Diskontuit\u00e4t. Dabei findet das bei weitem gr\u00f6\u00dfte Ausma\u00df an Erinnern und Vergessen an den unscharfen R\u00e4ndern gewollten Denkens statt. Ist es wirklich m\u00f6glich &#8222;gradlinig&#8220; zu denken? Nur selten gelingt es uns um den Preis absoluter Konzentration. Solche Klarheit ist nur wenigen vorbehalten, und auch nur von kurzer Dauer. Diese absolute Konzentration f\u00fchrt oft zu vor\u00fcbergehender Ersch\u00f6pfung, manchmal aber auch zum geistigen Zusammenbruch. Es ist in der Konsequenz also m\u00f6glich, dass das Rauschen gew\u00f6hnlichen Denkens auch eine Art Schutzfunktion hat. In den allermeisten F\u00e4llen ist das gew\u00f6hnliche Denken also ein ungeordnetes, dilettantisches Unterfangen. <br><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Denken ist zutiefst intim, aber gleichzeitig absolut gew\u00f6hnlich, abgenutzt und repetitiv<br><\/strong>Im Denken sind wir uns gegenw\u00e4rtig. An uns selbst zu denken macht den wesentlichen Bestandteil unserer Identit\u00e4t aus. Ich kann nicht denken, dass ich nicht bin. Das Erl\u00f6schen des Denkens ist tautologisch jenes des <em>Ichs<\/em>. Gleichzeit kann nichts und niemand auf nachpr\u00fcfbare Art und Weise mein Denken durchschauen oder meine Gedanken lesen. Ich kann meine Gedanken ganz und gar verheimlichen. Selbst Folter kann sie mir nicht zweifelsfrei entreissen. Niemand anderes kann meine Gedanken an meiner Statt denken. Gedanken sind unser einziges gesichertes Gut. Sie machen unser Wesen aus, unser bei uns sein oder aber auch die Entfremdung von uns selbst. Der ihnen innewohnende Druck ist so beschaffen, dass wir uns zeitweise bem\u00fchen, sie vor uns selbst zu verbergen oder zum Schweigen zu bringen. Die Konsequenz daraus ist, dass es uns keine noch so gro\u00dfe N\u00e4he (emotional, sexuell, ideologisch, r\u00e4umlich, etc.) in die Lage versetzen wird, die Gedanken einer\/s anderen zweifelsfrei zu entschl\u00fcsseln. Gleichzeitig ist die F\u00e4higkeit zu l\u00fcgen, Fiktionen zu ersinnen und aufzuf\u00fchren ein wichtiger Teil unseres Menschseins. Dazu gesellt sich folgendes Paradox: Dieser unzug\u00e4ngliche Kern unserer Einzigartigkeit, dieses innerste, privateste, verschlossenste aller Besitzt\u00fcmer ist zugleich ein milliardenfacher Gemeinplatz. Unsere Gedanken sind in \u00fcberw\u00e4ltigendem Ausma\u00df universell und werden jetzt, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter millionenfach von anderen gedacht \u2013 unendlich banal und abgenutzt, selbst in den individuellsten und intimsten Momenten unserer Existenz. All dies ist eine unausweichliche Konsequenz der Sprache und ihrer Begrenztheit. Wir werden in eine sprachliche Matrix hineingeboren, die wir uns alle teilen. Die W\u00f6rter, die wir nach innen und au\u00dfen nutzen, um unser Denken zu \u00fcbermitteln, sind repetitiv und begrenzt, und demokratisieren die Intimit\u00e4t. Daraus folgt, dass wirkliche Originalit\u00e4t im Denken, dass das allererste Denken eines Gedankens <em>\u00e4u\u00dferst<\/em> selten sind. Oft erzeugt der Wortlaut, nicht der Inhalt, den Eindruck von Neuheit. Die durch die \u00c4u\u00dferung verursachte Kraft und Ersch\u00fctterung mag betr\u00e4chtlich sein, doch es gibt absolut keinen Beweis daf\u00fcr, dass dieser Gedanke noch nie vorher in Umlauf gebracht worden w\u00e4re. Mit entsprechender Ehrfurcht hat Einstein festgestellt, dass er in seinem ganzen Leben nur zwei authentische Ideen hatte. Oft ist &#8222;Originalit\u00e4t&#8220; entsprechend lediglich eine Variation oder Erneuerung des bereits Bestehenden. Das Denken ist in h\u00f6chstem Ma\u00dfe unser Eigentum, verborgen im tiefsten Innern unseres Seins, aber gleichzeitig die gew\u00f6hnlichste, abgenutzteste und repetitivste aller Handlungen. Die Widerspruch l\u00e4sst sich nicht aufl\u00f6sen. <br><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Denken f\u00fchrt niemals zur <em>einen<\/em> Wahrheit<\/strong><br>Wie wir gesehen haben, kann es kein endg\u00fcltiges Verifizieren von Wahrheit oder Irrtum bzw. Aufrichtigkeit oder Unaufrichtigkeit im subjektiven Denken geben. Das selbe gilt leider auch f\u00fcr das Steben nach objektiver Wahrheit im \u00f6ffentlichen, systematischen Denken. Selbst die experimentell beweisbaren und empirisch anwendbaren Wahrheiten der Wissenschaften beruhen auf theoretischen oder philosophischen Annahmen, die jederzeit revidiert oder falsifiziert werden k\u00f6nnen. Wo immer das Denken auf &#8222;Wahrheit&#8220; abzielt, relativiert sie dieses Kriterium bereits im Augenblick des Hinweises. &#8222;Wahrheit&#8220; verweigert sich dem endg\u00fcltigen Beweis. Im besten Fall erzeugt Denken das, was Wallace Stevens als &#8222;erhabenste Fiktion&#8220; bezeichnet hat. Dabei steht auch unsere Sprache dem monochromen Ideal der &#8222;Wahrheit&#8220; zuwider und ist immer mehrdeutig und vielstimmig. Sie trachtet best\u00e4ndig danach, die Herrschaft \u00fcber das Denken zu \u00fcbernehmen. Wir erfinden in die Vergangenheit und ertr\u00e4umen die Zukunft. Und bringen sie \u00fcber die Sprache zum Ausdruck. Doch all diese Gedankenexperimente bleiben immer Fiktion. Und egal, wie sehr wir uns im Denken m\u00fchen und wie n\u00fcchtern wir die Sprache w\u00e4hlen, kann es keine <em>eine<\/em> Wahrheit geben.<br><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Denken ist verschwenderisch und bulimisch<\/strong><br>Unglaublich verschwenderisch ist das Denken, eine Vergeudung in ihrer schlimmsten Form. Wir k\u00f6nnen die ben\u00f6tigte Energie messen und sind nach l\u00e4ngerer Konzentration oft ersch\u00f6pft. Mehr noch, das Gehirn ist f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil unseres Energieverbrauchs verantwortlich. Dabei sind Denkprozesse, sein sie bewu\u00dft oder unbewu\u00dft, ausgesprochen oder unausgesprochen in \u00fcberw\u00e4ltigendem Ma\u00dfe diffus, ziellos, zerstreut und unbeobachtet. Sie sind &#8222;\u00fcberall&#8220;, was in Wendungen wie &#8222;Kopflos sein&#8220;, &#8222;den Kopf verlieren&#8220; seinen Ausdruck findet. Keine andere menschliche T\u00e4tigkeit d\u00fcrfte so verschwenderisch sein. Unaufh\u00f6rlich huscht fast die gesamte Masse an Gedanken an uns vorbei, formlos, hilflos. Hirnforscher gehen davon aus, dass wir jeden Tag ca. 60.000-70.000 Gedanken denken. Doch 90% davon sind vollkommen repetitiv. Diese Gedanken s\u00e4ttigen unser Bewusstsein, und vermutlich auch Unterbewusstsein, und schwinden doch dahin. Woran wir noch vor einer Stunde gedacht haben, hat ggf. \u00fcberhaupt keine Spuren hinterlassen. Die Masse menschlichen Denkens verschwindet unbemerkt. Das selbe gilt f\u00fcr unsere Tr\u00e4ume. Und wenn man dann mal meint, einen &#8222;genialen Gedanken&#8220; ertr\u00e4umt oder erdacht zu haben, ist er im n\u00e4chsten Moment schon wieder verschwunden, pl\u00f6tzlich nicht mehr zug\u00e4nglich, getilgt, wie Abermillionen anderer Gedanken, die uns in unergr\u00fcndlicher Verschwendung durchfluten. Damit stellt sich die Frage, wie viele gro\u00dfe Erkenntnisse in der gleichg\u00fcltigen Flut unbeachteten Denkens, im ungeh\u00f6rten oder \u00fcberh\u00f6rten Selbstgespr\u00e4ch der t\u00e4glichen und n\u00e4chtlichen Hirnemmissionen verloren gehen? Der Verlust ist ma\u00dflos.<br><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Denken ist unvermittelt, beschr\u00e4nkt und hat keinen direkten Einflu\u00df auf das Geschehen au\u00dferhalb seiner selbst <\/strong><br>Die weitaus gr\u00f6\u00dfte Zahl gewohnheitsm\u00e4\u00dfiger Handlungen und Gesten wird &#8222;gedankenlos&#8220; ausgef\u00fchrt. Sie kommen intuitiv oder mittels erworbener Steuerung des vegetativen Nervensystems zustande (Sympathikus und Parasympathikus). Doch selbst da, wo eine Handlung sehr sorgf\u00e4ltig und bewusst &#8222;durchdacht&#8220; ist, kann auf den Zusammenhang nur geschlossen werden. Die Einsch\u00fcbe zwischen Gedanke und Tat sind dabei so vielf\u00e4ltig wie das Leben selbst. Dass zwischen Vorstellung und Umsetzung ein Abstand klafft, ist ein Gemeinplatz endloser Niederlagen, die wir beklagen. &#8222;Ich kann es nicht in Worte fassen.&#8220; oder &#8222;Das Werk kann nicht vollst\u00e4ndig ausdr\u00fccken, was ich mir vorgestellt habe.&#8220; Kurzzeitiges Verstehen und methaphorisches Aufblitzen schwingen gegen den Rand der Sprache und schwinden wieder au\u00dfer Reichweite. Selbst eine \u00e4u\u00dferst umsichtig kalibrierte und fokussierte Denkbewegung wird sich nur unvollkommen &#8222;verk\u00f6rpern&#8220; lassen, ist lediglich ein Kompromiss des &#8222;Ideals&#8220;, eine Fiktion des Absoluten. Die Idee der Perfektion ist ein unerf\u00fcllbarer Traum des Denkens, eine begriffliche Abstraktion, \u00e4hnlich dem Unendlichen. So Tragen alle unsere Zuk\u00fcnfte, Projektionen und Pl\u00e4ne \u2013 von Routine gepr\u00e4gt oder utopisch \u2013 die M\u00f6glichkeit der Entt\u00e4uschung in sich. Der Virus der Unerf\u00fcllbarkeit nistet in der Hoffnung. Es mag so sein, als sei alle Wahrscheinlichkeit auf unserer Seite, aber eine Garantie kann es nie geben. Meistens bleibt das Ergebnis hinter unseren Hoffnungen zur\u00fcck. Wir hoffen, wider der Hoffnung. Was f\u00fcr eine Entt\u00e4uschung.<br><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Denken ist nicht zu stoppen und bleibt gleichzeitig unergiebig<\/strong><br>Es gibt zwei Prozesse, die der Mensch zu Lebzeiten nicht anhalten kann: Atmen und Denken. Die meisten Menschen k\u00f6nnen dabei l\u00e4nger den Atem anhalten, als das Denken (falls dies \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist). Diese Unf\u00e4higkeit, das Denken zum Stillstand zu bringen bzw. eine Pause vom Denken einzulegen, bedeutet einen erschreckenden Zwang. In jedem Augenblick unseres Lebens bewohnen wir die Welt mittels des Denkens. Im Sinne Kant&#8217;s oder des radikalen Konstruktivismus erzeugt dabei unser Denken unsere subjektive &#8222;Realit\u00e4t&#8220; \u2013 die &#8222;Wirklichkeit&#8220;, wie immer sie beschaffen sein mag, bleibt unzug\u00e4nglich. Sie entzieht sich jedem beweisbaren, gesicherten Zugriff und mag maximal auf eine kollektive Halluzination, einen gemeinsamen Traum hinauslaufen. In der Konsequenz operiert selbst der erfinderischste, umfassendste und begabteste Geist innerhalb von Grenzen, die sich nicht wahrhaft definieren, geschweige denn ausmessen lassen. Aber wie l\u00e4sst sich so die Richtigkeit unserer k\u00fchnsten Annahmen feststellen? Welche Beweisen haben wir daf\u00fcr, dass der Fortschritt empirischer Untersuchungen und theoretischer Konstrukte unbegrenzt ist? Wieviel von unserer stolzen Wissenschaft ist nicht ebensosehr Fiktion? Das Denken verh\u00fcllt wahrscheinlich mehr, als es enth\u00fcllt.<br><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Denken ist undurchsichtig und macht einsam<\/strong><br>Seine Undurchsichtigkeit macht es unm\u00f6glich zweifelsfrei zu wissen, was ein anderes menschliches Wesen denkt. Dieser Ungeheuerlichkeit schenken wir zu wenig Aufmerksamkeit. Sie sollte uns erschaudern lassen. Weder Fragen, noch Hypnose, noch Drogen verm\u00f6gen auf irgendeine nachpr\u00fcfbare Weise die Gedanken eines\/r anderen hervorzulocken. Bekenntnisse und Aussagen m\u00f6gen in aufrichtiger Absicht gemacht werden bzw. entschlossene Enth\u00fcllungen oder Fragmente ehrlicher Selbstentbl\u00f6\u00dfung, k\u00f6nnen aber gleicherma\u00dfen L\u00fcge, Halbwahrheit oder Selbstt\u00e4uschung sein. Die Palette der Unaufrichtigkeit ist unersch\u00f6pflich. Die blo\u00dfe Frage &#8222;Woran denkst Du?&#8220; l\u00f6st Antworten aus, die vielschichtig sind und ggf. unbemerkt komplexe Filter durchquert haben. Selbst in Augenblicken gr\u00f6\u00dfter Intimit\u00e4t \u2013 und in diesen vermutlich am schmerzlichsten empfunden \u2013 kann der\/die Liebende die Gedanken des\/der Geliebten nicht erfassen. Wir werden nie erfahren, welch tief verborgene Unaufmerksamkeit, Abwesenheit, Abneigung oder alternative Vorstellung das erotische Erleben begleiten. Selbst die einander n\u00e4chststehenden, aufrichtigsten Menschen bleiben f\u00fcreinander auf gewisse Weise immer Fremde, mehr oder weniger unerkl\u00e4rt. zwar sind wir am lesbarsten in Momenten spontaner Gef\u00fchls\u00e4u\u00dferung. Hier liegt unser Wesen blo\u00df. Doch diese \u00d6ffnung hin auf die Welt ist nur von kurzer Dauer. Letztlich kann uns Denken zu Fremden f\u00fcreinander machen. Die intensivste Liebe ist eine nie abgeschlossene Unterhaltung Einsamer.<br><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Denken ist zutiefst demokratisch und doch sozial nicht gerecht<\/strong><br>Jeder Mensch ist ein Denker. Der Schwachsinnige, wie das Genie. Die genialsten Gedanken k\u00f6nnen von jedem\/r zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort gedacht worden sein, ohne Konsequenzen gehabt zu haben. Nur ein Bruchteil unserer Gedanken \u00fcberlebt und tr\u00e4gt Frucht. D\u00fcrfen wir also dieses geistige Geplapper \u00fcberhaupt mit ein und derselben schlampigen Definition (&#8222;Denken&#8220;) kategorisieren, wie Einstein&#8217;s Relativit\u00e4tstheorie? Wir behelfen uns damit, dass wir die &#8222;gro\u00dfen Gedanken&#8220; intellektueller, k\u00fcnstlerischer oder politischer Genies von den unbedeutenden Gedanken des Alltags unterscheiden. Oder die &#8222;tiefe Gedanken&#8220; von den trivialen und oberfl\u00e4chlichen. Wir denken also alle die ganze Zeit, aber die F\u00e4higkeit, Gedanken zu denken, die es Wert sind, gedacht zu werden \u2013 geschweige denn, die es wert sind, ausgesprochen und festgehalten zu werden \u2013 scheint eher rar ges\u00e4t. Ein identisches Etikett verschleiert also den in Lichtjahren zu messenden Unterschied zwischen dem Rauschen der banalen Gedanken, welches aller Menschen Existenz eigen ist, von der wunderbaren Komplexit\u00e4t und Kraft au\u00dfergew\u00f6hnlichen Denkens. Und dabei kann man sich zus\u00e4tzlich fragen, ob dieses Denken \u00fcberhaupt erw\u00fcnscht ist? Denn intellektuelle Leidenschaft und ihre Erscheinungsformen f\u00fchren auch immer wieder zu Neid, Hass und Spott. &#8222;Gro\u00dfen Gedanken&#8220; wird also nicht per se mit Wohlwollen begegnet. Und es stellt sich auch die Frage, ob entsprechendes Denken von jedem\/r erlernt werden kann? Gibt es also einen p\u00e4dagogischen Schl\u00fcssel zur Kreativit\u00e4t? Die &#8222;Zutaten&#8220; dazu k\u00f6nnen sicherlich erlernt werden, aber das Genie kennt keine Demokratie. Nur fruchtbare Ungerechtigkeit und lebensbedrohliche Last. Es gibt jene wenigen, wie H\u00f6lderlein sagt, die gezwungen sind den Blitz mit blossen H\u00e4nden zu fangen. Dieses Missverh\u00e4ltnis zwischen gro\u00dfem Denken bzw. gro\u00dfer Sch\u00f6pfungskraft und den idealen sozialer Gerechtigkeit l\u00e4sst sich nicht aufl\u00f6sen.<br><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Denken bleibt sich selbst genug<\/strong> <strong>und kann das Wesentliche nicht beantworten<\/strong><br>M\u00fcssen wir <em>\u00fcber<\/em> etwas <em>nachdenken<\/em>, oder k\u00f6nnen wir einfach <em>denken<\/em>? Braucht das Denken also ein Objekt, oder ist das Denken in dem Sinne autonom, dass wir auf bestimmten Ebenen ungehinderter Fokussierung das, was wir <em>erdenken<\/em>, vollkommen durchdringen und erfassen k\u00f6nnen? K\u00f6nnen wir also das Nichts denken, den Wesensgrund des Seins bzw. den Ursprung des menschlichen Lebens? Das beinhaltet nat\u00fcrlich gleichzeitig auch den Tod, der eine andere Lesart des Nichts bietet. Diese Leere, dieses Nichts ist f\u00fcr die meisten von uns &#8222;undenkbar&#8220; \u2013 sowohl im gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfigen wie auch im logischen Sinne des Wortes. Selbst in seiner best\u00e4ndiger Bewegung und Aktivit\u00e4t scheint das menschliche Denken die Leere, das schwarze Loch des Nichts zu meiden. Gleichzeitig jedoch besch\u00e4ftigt das R\u00e4tsel menschlicher Identit\u00e4t, bzw. unsere Anwesenheit in einer wie auch immer gearteten Welt, ein Leben lang unser Denken. Dabei bleibt es eine erdr\u00fcckende Tatsache das, egal welche Intensit\u00e4t das Denken auch haben mag, welche Spr\u00fcnge \u00fcber Abgr\u00fcnde des Unbekannten hinweg es auch macht, wie gro\u00df sein Talent zu Kommunikation und symbolischer Darstellung ist, dem Erfassen des Ursprungs allen Seins kommt es dadurch nicht n\u00e4her. Wir sind einer nachpr\u00fcfbaren L\u00f6sung des R\u00e4tsels unserer Existenz, ihrer Natur und ihres Zweckes (wenn es ihn \u00fcberhaupt gibt), wir sind einer Antwort auf die Frage, ob der Tod endg\u00fcltig ist oder nicht, ob es Gott gibt oder nicht, keinen Zoll n\u00e4her gekommen. Letztlich f\u00fchrt all dieses Denken also nirgendwohin. Keinerlei Beweis l\u00e4sst sich daraus ableiten.Der einzige Schluss: Alles ist m\u00f6glich. Die Verifizierbarkeit und Falsifizierbarkeit der Wissenschaften, ihr triumphaler Fortschritt begr\u00fcnden zwar ihre wachsende Macht in unserer Kultur. Gleichzeitig machen sie auch ihre selbstherrliche Trivialit\u00e4t aus. Die Wissenschaft  kann auf die wesentlichen Fragen, die den menschlichen Geist besch\u00e4ftigen oder besch\u00e4ftigen sollten, keine Antwort geben. Die Beherrschung des Denkens hebt den Menschen \u00fcber alle anderen Lebewesen hinaus, doch macht es ihn selbst und der Ungeheuerlichkeit der Welt gegen\u00fcber zum Fremden.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Soweit zu George Steiner&#8217;s Essay und den identifizierten Gr\u00fcnden f\u00fcr eine m\u00f6gliche Melancholie, die dem Denken innewohnen kann. Ich muss zugeben, die Lekt\u00fcre hat mich fasziniert, und doch irgendwie beklommen zur\u00fcckgelassen. Wir bilden uns so viel auf unser Denken und unseren Intellekt ein. Wir haben uns als Menschen versucht die Welt mit unserem Verstand zum Untertan zu machen. Und scheinen dabei grandios gescheitert zu sein. Wir haben das Denken \u00fcber die Intuition und das F\u00fchlen gestellt, und dabei oft letztere verlernt. Nur um am Ende vor Augen gehalten zu bekommen \u2013 und damit ein Bewusstsein daf\u00fcr zu erhalten \u2013 wie beschr\u00e4nkt dieses von uns heroisierte &#8222;Denken&#8220; tats\u00e4chlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hat mich zun\u00e4chst traurig zur\u00fcckgelassen und diese Melancholie zeigt sich mir auch heute wieder, beim Schreiben dieses Beitrags. Doch am Ende bleibt es dabei: &#8222;Bewusstheit ist der Beginn von allem!&#8220; Und diese Bewusstheit kann uns dabei helfen, immer wieder zu \u00fcberpr\u00fcfen, an welchen Stellen uns das Denken tats\u00e4chlich hilft und weiterbringt, und wo wir andere F\u00e4higkeiten nutzen oder (wieder) erlernen sollten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Anmerkung: Die Zusammenfassung von George Steiner&#8217;s Essay nutzt an vielen Stellen Passagen des Originaltextes. Entsprechend macht eine Kenntlichmachung der Zitate im Sinne des Leseflusses keinen Sinn<\/em>. <em>\u00a9 Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2006<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt ein wunderbares Buch von George Steiner, das mir eine Freundin vor ein paar Jahren geschenkt hat. Es ist faszinierend, und doch hat es mich, wie der Titel ahnen l\u00e4sst, unglaublich deprimiert: &#8222;Warum Denken traurig macht&#8220;. Denn, auch wenn ich mich in den vergangenen Jahren sehr ver\u00e4ndert und weiterentwickelt habe, h\u00e4tte ich mich wohl [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2795,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"off","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[38],"tags":[74,72,73],"class_list":["post-2790","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-wissen-de","tag-begrenztheit","tag-denken","tag-verstand","et-has-post-format-content","et_post_format-et-post-format-standard"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rslnc.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2790","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rslnc.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rslnc.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rslnc.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rslnc.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2790"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/rslnc.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2790\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2815,"href":"https:\/\/rslnc.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2790\/revisions\/2815"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rslnc.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2795"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rslnc.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2790"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rslnc.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2790"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rslnc.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2790"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}